Ausschnitt aus dem Text: “Schöne neue Sinnlichkeit“ von Gregor Jansen (2017)

(…) Ein Sirren entsteht in unserem Kopf, welches wie bei heißem Boden Fata Morgana ähnliche Spiegelungen erzeugt, bei denen die Erscheinung nicht nah oder fern vor uns, sondern mitten in unseren Kopf zu rutschen scheint. Farbe und Formen (ver)schwimmen in der Erkenntnis des Gewohnten und Angenommenen, in dem wir uns letztlich sehend, mitarbeitend, mitkomponierend, schaffend, vermutend wieder in die Bilder zurückgeworfen wiederfinden. Im Schauen des Undurchschaubaren entwickeln die Elemente ihrer Kompositionen einen eigenen Klang, den der jeweilige Betrachter sehr eigen-sinnig zusammenstellt.

Was bei Ina Gerken bleibt, sind Bilder, die in ihrer unverstellten Direktheit berühren und von lange verlorenen Ängsten und Sehnsüchten berichten und an Verletzungen, Narben und Schrammen gemahnen. Oder aber sie lassen von Freude und Glückseligkeit getragen einen unermüdlichen Dialog zwischen Natur und Abstraktion, Landschaft und Malerei zu, bei dem wir letztlich allein um die Frage nach der Malerei und dem Bild staunend sehend zurückgelassen werden. Gerkens Weg als Malerin sucht viele verschiedenen Medien wie Faserplatten, Leinwand, Papier, Stoffe, und arbeitet dann intuitiv mit den Möglichkeiten, deren Ergebnis auch für sie selbst verblüffend ist, da sie den Werkprozess bisweilen nicht mehr exakt rekapitulieren kann. Ihre Druckübertragungen, Klischees, Beklebungen und Ablösungen, Abrisse erlangen ambitiöse Blockstrukturen, die im Gemälde als Landschaften, Sedimentierungen und Schichten als die zentralen Elemente ihrer komplexen Bilder sehr divergent aufscheinen.

Ina Gerken lässt in ihren Arbeitsprozessen wie daraus resultierend im fertigen Gemälde völlig offen, an was ihre farblichen Strukturen denn nun zu erinnern haben und welche Aufschlüsse sich mit ihnen gewinnen lassen. Ob geologisch-wissenschaftliche Erdschnitte oder chemische Retortenglasbildvergrößerungen, rituelle und archaische Pathosformeln vergangener Kulturen bis hin zu analogen Testbildern des Malerischen als Flächenfülltest selbst – ungemein vielfältige Aufschlüsse liegen bereit, in deren unergründlichen Oberflächenstrukturen und verzweigten Tiefenschichten der Betrachter einen Blick in die patinierte Vergangenheit zu erkennen glaubt. Alles bleibt konkret und ambivalent, aus Abstraktion und deformierter Figuration geronnen, Lichtgestaltungen wie Schattenexistenzen, die zwischen Anwesenheit und Abwesenheit umhergeistern und uns in ihren Bann ziehen. Die Schichtung von scheinbar unstrukturierten Farbebenen in einem expressiv-tachistischen Gestus oder gehalten in vielschichtigen Druckvorgängen offenbart eine neue Sinnlichkeit. Faszinierende schöne neue Welt. Am Ende unbewusste, sinnhaftig neue Sinnlichkeit.

 

Excerpt from the text: “Beautiful new Sensuality“ by Gregor Jansen (2017)

(…) Our heads begin to buzz, producing reflections similar to a Fata Morgana on a hot floor. The illusion is neither far nor near and seems to slide through the middle of our heads. Colours and forms dissolve the recognition of the familiar or the assumed, and the images throw us back on ourselves. We see ourselves collaborating, co-composing, creating, speculating. As we gaze into the impenetrable, the elements of her compositions take on their own sounds, which the viewer then idiosyncratically composes.

What remains with Ina Gerken are the images and their candid directness touches us. They speak of long lost fears and longings, awaken old wounds and scars. But they also allow a dialogue driven by joy and rapture to unfold between nature and abstraction, landscape and painting. Though in the end, we are left alone with the question of painting and image, simply gazing in wonder. Gerken’s path as a painter crosses many media: chipboard, canvas, paper, fabric. She then works intuitively with the given possibilities, and the results are bewildering even for her as she can hardly recapitulate the process herself. Her print transfers, rubbing, gluing, dissolving, and tearing arrive at ambitious block structures that divergently appear as landscapes, sedimentations, and layerings—the central elements in her complex paintings.

Ina Gerken leaves both her working process and the paintings that result from it completely open in terms of what their chromatic structures recall or which insights they may offer. Be it geological cross-sections of the earth or enlargements of glass retorts, ritual and archaic pathos, forms of cultures past up to analog testcards of paintings as surface-filling tests—tremendously diverse connections lie at hand, in whose unfathomable surfaces and deep branching structures a viewer may hope to recognize a patinated past. Everything remains both concrete and ambivalent, congealed abstraction and deformed figuration, forms of light and shadowy existences that haunt the spaces between presence and absence, transfixing us nonetheless. The layering of seemingly unstructured planes of color in an expressive, Tachist gesture or bound in multilayered printing processes reveals a new sensuality, a fascinatingly beautiful new world. Ultimately unconscious, a meaningful new sensuality.